Fledermäuse

Fledermäuse
 
[althochdeutsch fledarmus »Flattermaus«, zu fledaron »flattern«], Kleinfledertiere, Microchirọptera, außer in den Polargebieten weltweit verbreitete Unterordnung der Fledertiere mit rd. 800 überwiegend tropische und subtropische Arten in etwa 100 Gattungen und 16 Familien. Ihr Körper ist fast immer mit einem mehr oder weniger dichten Haarkleid bedeckt, Flughäute und Ohren sind meist nackt. Der Bau der Einzelhaare ist artspezifisch verschieden. Die Körperlänge variiert von 3 bis 16 cm mit Flügelspannweiten von 10 bis 70 cm. Die Ernährungsweisen der Fledermäuse sind sehr vielfältig, wenn auch die Insektenfresser überwiegen (die europäischen Arten sind ausschließlich Insektenfresser); so gibt es vorwiegend von Früchten lebende Fledermäuse (z. B. die Große Spießblattnase, Vampyrum spectrum, fälschlich auch als Große Vampirfledermäuse bezeichnet), auf Nektar und Blütenpollen spezialisierte Fledermäuse (z. B. die Langzungenfledermäuse, die zum Teil gleichzeitig Blüten bestäuben) und Fledermäuse, die sich auf Fischfang spezialisiert haben (z. B. das amerikanische Große Hasenmaul), oder solche, die v. a. Kleinwirbeltiere fressen (Vertreter der Großblattnasen und der Blattnasen), sowie die bei Wirbeltieren (v. a. Säugern) Blut leckenden Vampire. Diese Spezialisierung ist immer mit deutlichen Anpassungen im Gebiss verbunden. Fledermäuse sind fast ausschließlich nachtaktiv; eine Ausnahme bilden die früh am Abend, häufig auch am Tage (bis in 50 m Höhe) fliegenden Abendsegler. Der Zeitpunkt des abendlichen Fluges zur Nahrungsbeschaffung ist artspezifisch festgelegt.
 
Beutetiere und Hindernisse werden auch bei völliger Dunkelheit wahrgenommen. Vom Kehlkopf erzeugte und von Mund oder Nase ausgesandte Ultraschallwellen (Reichweite maximal 4-5 m) vermitteln dem Tier nach dem Prinzip der Echopeilung ein »gehörtes Raumbild«. Die Frequenz der Schallstöße ist artspezifisch und mit Flügelschlag und Atmung gekoppelt. Der bei Objektannäherung auftretende Doppler-Effekt wird durch Herabsetzen der Frequenz der ausgesandten Schallstöße kompensiert und das Echo auf die artspezifische Frequenz eingestellt.
 
Die Fledermäuse der gemäßigten Zonen halten 4-6 Monate Winterschlaf, zudem können alle Fledermäuse, auch die tropischen Vertreter, tagsüber oder bei plötzlichen Kälteeinbrüchen ihren Stoffwechsel und damit die Körpertemperatur herabsetzen und in eine »Kältelethargie« verfallen. Einige nordamerikanische Arten fliegen im Winter in wärmere Gebiete. - Auch bei der Fortpflanzung zeigen sich klimabedingte Anpassungen: In den gemäßigten Breiten werden die Weibchen bereits im Herbst begattet, die Eireifung und die Befruchtung finden jedoch erst im darauf folgenden Frühjahr statt; bei tropischen Fledermäusen sind Begattung und Befruchtung nicht zeitlich getrennt. Die Tragzeit beträgt 55-75 Tage. Die Jungen kommen nackt und blind zur Welt. Trächtige Weibchen und solche mit Jungen leben in »Wochenstuben« zusammen; der dort in großen Mengen anfallende Kot (»Fledermausguano«) ist ein begehrtes Düngemittel.
 
In Deutschland und den angrenzenden Gebieten kommen 22 Arten aus zwei Familien (Glattnasen und Hufeisennasen) vor, die nach der Roten Liste sämtlich vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet sind, v. a. infolge starken Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln sowie wegen des Fehlens geeigneter Sommer- und Winterquartiere. - Die Blattnasen (Phyllostomidae) sind eine Familie ausschließlich neuweltlicher Fledermäuse mit etwa 140 Arten vom südlichen Nordamerika bis Nordargentinien und auf den Westindischen Inseln; Körperlänge etwa 4-14 cm, Flügelspannweite 20-70 cm; mit häutigen, blattförmigen Nasenaufsätzen.
 
 
Die ältesten Darstellungen von Fledermäusen stammen aus altägyptischen Felsengräbern. In der Bibel zählen die Fledermäuse zu den unreinen Tieren. Sie kommen in den Fabeln des Aisopos und wegen ihrer Zwitterstellung (Vogel - Säugetier) auch in vielen Rätseln vor. In römischer Zeit wurden Fledermäuse zur Abwehr dämonischer Einflüsse an die Ställe genagelt, ein Brauch, der sich auch später als Schutz gegen Hexen gehalten hat. In der Symbolik des Mittelalters wurden Neid und Stolz gelegentlich als Frauen mit Fledermausflügeln dargestellt, v. a. erhielt der Teufel Fledermausflügel, ebenso der Antichrist sowie Dämonen, auch Todesfurien (Wandbild im Camposanto in Pisa um 1350). Im slawischen Raum tritt die Fledermaus als Vampir in Erscheinung. In China ist die Fledermaus dagegen Symbol für Glück und langes Leben.

Universal-Lexikon. 2012.

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